Ein persönliches Gespräch über Menschen, Konflikte, Zuhören – und darüber, warum manchmal weniger mehr bewirkt.
Web-Master | Oktober 2026
Philippe, was tun Sie eigentlich?
Ich begleite Menschen, wenn etwas ins Stocken geraten ist.
Das kann ein Konflikt sein. Eine schwierige Situation in einem Unternehmen oder Verband. Eine Entscheidung, die sich im Kreis dreht. Oder einfach das Gefühl: So wie bisher geht es nicht weiter.
Ob ich dabei Berater, Mediator oder Sparringpartner bin, ist für mich zweitrangig.
Mich interessiert zuerst: Worum geht es wirklich?
Und dann schauen wir weiter.
Warum beschäftigen Sie sich ausgerechnet mit Konflikten?
Weil mich Menschen interessieren.
Und Menschen sind sich nun einmal nicht immer einig.
Mich interessiert dabei weniger, wer recht hat. Spannender finde ich die Frage, warum zwei Menschen dieselbe Situation betrachten – und etwas völlig anderes sehen.
Wenn wir das verstehen, wird meistens auch klarer, wo wieder Bewegung möglich ist.
„Verstehen“ ist ein Wort, das bei Ihnen häufig vorkommt. Warum?
Weil wir erstaunlich schnell glauben, verstanden zu haben.
Wir hören etwas, ordnen es ein und haben unsere Erklärung.
Im Konflikt geht das besonders schnell.
Verstehen bedeutet für mich deshalb zunächst, die Lebenswelt meines Gegenübers ernst zu nehmen. Ich muss seine Meinung nicht teilen. Ich muss auch nicht alles gutheissen.
Aber ich möchte nachvollziehen können, wie jemand dort angekommen ist, wo er heute steht.
Das verändert ein Gespräch.
Deshalb „Verstehen vor Verändern“?
Ja.
Wenn ich zu schnell verändern will, habe ich meistens schon eine Lösung im Kopf.
Nur weiss ich dann noch gar nicht, ob sie zum Menschen und zu seiner Situation passt.
Menschen sind keine Maschinen, bei denen man ein defektes Teil austauscht.
Deshalb zuerst hinschauen. Zuhören. Verstehen.
Dann können wir über Veränderung sprechen.
Sie hören also nicht nur auf das, was jemand sagt?
Nein.
Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten.
In einem Gespräch geht es deshalb für mich nicht allein um den sachlichen Inhalt. Ebenso wichtig ist, wie etwas gemeint ist, wie es beim Gegenüber ankommt und was sich im Gespräch zwischen den Beteiligten entwickelt.
Gerade in Konflikten können diese Ebenen ziemlich weit auseinanderliegen.
Deshalb höre ich aufmerksam zu und versuche, nicht vorschnell zu interpretieren.
Manches wird ausgesprochen. Manches zeigt sich erst im Laufe eines Gesprächs.
Beides darf seinen Platz haben.
Sie stellen wahrscheinlich viele Fragen?
Nicht unbedingt.
Eine gute Frage kann viel bewegen.
Eine überflüssige Frage bleibt eine überflüssige Frage.
Manchmal ist eine Aussage hilfreicher.
Ich kann zum Beispiel sagen: „Ich habe den Eindruck, dass Sie beide über die Sache sprechen. Aber eigentlich reagieren Sie längst aufeinander.“
Das ist zunächst meine Wahrnehmung – eine Hypothese. Mein Gegenüber kann damit etwas anfangen oder auch nicht.
Dann lasse ich das stehen.
Ich muss daraus nicht sofort wieder eine Frage machen.
Manchmal braucht ein Gedanke einfach einen Moment, um anzukommen.
Schweigen gehört also auch zu Ihrer Arbeit?
Unbedingt.
Ich muss nicht jedes Schweigen mit einer Frage füllen.
Manchmal geschieht gerade dann etwas, wenn für einen Moment niemand spricht.
Ich rede vermutlich ohnehin weniger als manche meiner Berufskollegen.
Dafür höre ich ziemlich genau zu.
Und wenn Sie etwas sagen?
Dann versuche ich, auf den Punkt zu kommen.
Manchmal mit einer Frage. Manchmal mit einer Beobachtung. Und gelegentlich auch mit einem trockenen Kommentar.
Humor kann erstaunlich viel Druck aus einer Situation nehmen.
Aber es gibt für mich eine klare Grenze:
Humor darf eine Situation treffen. Nie den Menschen.
Haben Sie für Ihre Klienten eigentlich immer eine Lösung?
Nein.
Das wäre auch etwas vermessen.
Ich helfe dabei, genauer hinzuschauen und Dinge sichtbar zu machen, die im Druck einer Situation manchmal nicht mehr erkennbar sind.
Oft entsteht daraus bereits etwas Neues.
Und manchmal braucht es einen Impuls von aussen.
Aber eben nicht fünf, wenn einer genügt.
Sie bezeichnen sich heute nicht nur als Mediator. Warum?
Weil nicht jedes Problem eine Mediation braucht.
Manchmal müssen mehrere Menschen gemeinsam einen Konflikt klären. Dann kann Mediation genau das richtige Verfahren sein.
Manchmal sitzt mir aber eine Führungskraft gegenüber. Oder jemand steht vor einer persönlichen Entscheidung. Oder wir wissen zu Beginn noch gar nicht genau, worin das eigentliche Problem besteht.
Deshalb möchte ich nicht von einer Methode her denken.
Die Methode folgt dem Anliegen. Nicht umgekehrt.
Ihr beruflicher Weg war nicht gerade eine gerade Linie.
Merken Sie etwas? Sie haben mir eben keine Frage gestellt, sondern eine Aussage gemacht. Sie haben antizipiert. Das passiert uns allen.
Aber zu meinem beruflichen Weg: Nein. Der war abwechslungsreich, aber immer vorwärts gerichtet.
Und darüber bin ich heute ziemlich froh.
Ich habe sehr unterschiedliche berufliche und gesellschaftliche Welten kennengelernt und mit Menschen in ganz verschiedenen Funktionen gearbeitet.
Dabei lernt man etwas Wichtiges:
Jedes System hat seine eigene Logik. Und Menschen sowieso.
Dieser Erfahrungsrucksack hilft mir heute. Wenn mir jemand gegenübersitzt, sehe ich nicht zuerst seine Funktion oder seinen Titel.
Da sitzt ein Mensch.
Das ist meistens der interessantere Teil.
Auf Ihrer Website stehen Stoa, Zen und Wu Wei. Müssen Ihre Klienten jetzt philosophisch werden?
Nein. Keine Sorge.
Ich halte auch keine Vorträge darüber.
Stoa, Zen und Wu Wei sind keine Methoden, die ich meinen Klienten beibringen möchte. Sie beschreiben eher meine eigene Haltung.
Die Stoa stellt für mich eine sehr praktische Frage: Was können wir beeinflussen – und was nicht?
Zen erinnert mich daran: Was geschieht gerade wirklich, bevor wir es bewerten?
Und Wu Wei fragt: Was braucht es jetzt – und wo erzeugt mehr Druck nur noch mehr Widerstand?
Mehr Philosophie braucht es im Beratungsraum meistens gar nicht.
Und was bedeutet Wu Wei konkret?
Ich erkläre es meinen Klienten gerne als:
Handeln durch Nicht-Handeln.
Das klingt zunächst nach Nichtstun.
Ist es aber nicht.
Es bedeutet, nicht einzugreifen, nur damit etwas getan ist. Den richtigen Moment wahrzunehmen. Raum zu lassen. Und zu handeln, wenn Handeln tatsächlich etwas bewirkt.
Nicht nichts tun. Sondern nicht mehr tun, als nötig ist.
Wie erleben Menschen die Zusammenarbeit mit Ihnen?
Das müssten eigentlich die Menschen beantworten, die mir gegenübersitzen.
Was ich anbieten kann, ist ein Gespräch auf Augenhöhe.
Ich höre zu. Ich frage nach. Ich beobachte. Und ich versuche nicht, jemanden in ein Konzept hineinzupressen.
Meine Wahrnehmungen stelle ich als Hypothesen zur Verfügung. Nicht als Wahrheiten darüber, wie ein anderer Mensch ist oder was er tun sollte.
Augenhöhe bedeutet für mich allerdings nicht, allem zuzustimmen.
Wenn ich einen Widerspruch wahrnehme, spreche ich ihn an.
Anständig. Aber durchaus deutlich.
Sonst wäre das Gespräch wenig hilfreich.
Und am Ende behält der Mensch die Steuerung über seinen eigenen Weg.
Wann ist ein persönliches Einzelsetting sinnvoll?
Wenn jemand zunächst für sich etwas klären möchte.
Das kann eine berufliche oder persönliche Standortbestimmung sein, eine schwierige Entscheidung, ein wiederkehrendes Muster oder auch ein Konflikt.
Nicht immer müssen sofort alle Beteiligten an einen Tisch.
Manchmal ist es sinnvoller, zuerst zu verstehen, was eigentlich los ist.
Danach lässt sich meistens besser entscheiden, was der nächste Schritt sein könnte.
Gibt es Situationen, in denen Sie sagen: Ich bin nicht der Richtige?
Natürlich.
Ich muss nicht jedes Problem lösen.
Und ich kann es auch nicht.
Wenn ich den Eindruck habe, dass eine andere Fachperson oder eine andere Form der Unterstützung sinnvoller wäre, sage ich das.
Das gehört für mich zur Professionalität.
Alles andere wäre – nun ja – ein ziemlich grosses Selbstverständnis.
„Vom Druck zum Fluss“ – was bedeutet das für Sie?
Druck gehört zum Leben.
Problematisch wird es, wenn wir unter Druck immer enger werden. Dann versuchen wir häufig noch mehr vom Gleichen: mehr nachdenken, mehr kontrollieren, mehr erklären, mehr Druck.
Und wundern uns, weshalb es nicht besser wird.
„Vom Druck zum Fluss“ bedeutet für mich nicht, dass plötzlich alles leicht wird.
Es bedeutet, wieder Bewegung zu ermöglichen.
Klarer sehen, was veränderbar ist. Wahrnehmen, was tatsächlich geschieht. Und nicht automatisch mehr Kraft einsetzen, wenn weniger vielleicht hilfreicher wäre.
Und was sagen Sie einem Menschen, der zu Ihnen kommt und sagt: „So wie bisher geht es nicht weiter“?
Zunächst?
Nicht viel.
Ich würde zuhören.
Denn dieser Mensch hat bereits etwas Wichtiges erkannt.
Er muss noch nicht wissen, wie die Lösung aussieht.
Vielleicht müssen wir zunächst nur herausfinden:
Was müsste klarer werden, damit ein nächster Schritt möglich wird?
Damit können wir anfangen.